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Thema "Was spielt man gegen 1.d4?" halbwegs kurz abzuhandeln und erstmal eine (die einzelnen Eröffnungen schon leicht bewertende) Übersicht zu schaffen.

Wichtig: Dieser Post ist u.a. als Inhaltsverzeichnis für den gesamten Thread angedacht. 

Es geht also um Verteidigungen gegen das "Damengambit". Darunter versteht IM Kaufman alles, wo Weiß d4 nebst c4 spielt und sich tendenziell dann klassisch mit Sc3 (und meist Sf3) entwickelt und um den Punkt e4 kämpft. Vielleicht beginnt Weiß auch mit 1.c4 oder 1.Sf3, aber er strebt prinzipiell immer ein d4-Hauptvarianten-Repertoire an.

Gewertet wird anhand von 5 Kriterien:

1. Universalität (Kaufman: It must work against all move orders): Hierbei soll untersucht werden, wie einfach es ist, mit der Beherrschung der schwarzen Verteidigung schon ein komplettes Repertoire gegen alle geschlossenen Spielanfänge aufzubauen. Oder ob Weiß mit einer geschickten Zugfolge halbwegs vollwertig ausweichen kann. Königsindisch und Slawisch sind z.B. ziemlich universell, Budapester oder Wolga-Gambit praktisch überhaupt nicht. Einige nicht universelle Verteidigungen lassen sich aber sehr gut ergänzen mit anderen Systemen "von ähnlichem Charakter", etwa Nimzoindisch mit Damenindisch und Symmetrie-Englisch/Igel.

2. Solidität (Kaufman: It must be fully respectable among strong grandmasters): Vielleicht hätte ich dies auch "Reputation" oder "Korrektheit" nennen sollen?! Irgendwo dazwischen liegt "Solidität" jedenfalls und ist somit in gewisser Weise ein zusammenfassendes Kriterium, vielleicht das wichtigse der 5. Es geht halt darum, ob und inwieweit starke GMs der Eröffnung trauen. Nun ist schon Kaufman kein GM, ich selbst erst recht nicht. Hier und da habe ich was gelesen oder gehört, die Anwendungshäufigkeit verrät auch einiges, ansonsten ist meine Note die Summe meiner Vorurteile :-)

3. Aktivität (Kaufman: It must offer good winning chances): Hier geht es darum, inwieweit und wie leicht Schwarz in den Hauptvarianten eigene Gewinnchancen erhält, wenn Weiß selbst zumindest einigermaßen energisch auf Gewinn spielt. Damit ist nicht die Anzahl der Fallen gemeint (ein gehobenes taktisches wie spielerisches Niveau ist immer vorausgesetzt), sondern eher das "strategische Ungleichgewicht".

4. Anti-Remis (Kaufman: It must not allow White an easy route to the better side of a drawish position): Im Gegensatz zum letzten Punkt geht es hier um die schwarzen Gewinnchancen, falls Weiß konsequent auf Remis spielt. Oder zumindest "ein Spiel auf zwei Ergebnisse" versucht, ein relativ risikoloses Kneten ohne eigene Verlustgefahr in zumindest leicht verflachter Stellung. Objektiv (Remis=Erfolg) ist die Existenz solcher Varianten meist kein Problem für Schwarz, turnierpraktisch aber ziemlich ärgerlich, falls man auf Gewinn spielen muß. Oder falls man keinen Spaß daran hat, sich stundenlang quälen zu lassen, bevor man dann höchstwahrscheinlich sein Remis bekommt. Note 6 würde bedeuten, daß Weiß eine Möglichkeit zum forcierten Remis hat.

5. Erfolg (Kaufman: It must have good results in practice): Nun, dabei hat Kaufman offensichtlich die "internationale Turnierszene" im Auge, also FM/IM/GM 2300-2550, vorwiegend auf Open oder mittelstarken Rundenturnieren. Die von den Super-GMs auf die Spitze getriebene Wissenschaftlichkeit der Eröffnungsvorbereitung (mitsamt ihren Moden) geht hier weniger ein (im Gegensatz zu Kriterium 2). Im Ergebnis schneidet auch keine Verteidigung richtig schlecht ab, einige zumindest besser als ihr "Ruf". Einige Verteidigungen werden aber auch nur als Überraschungswaffe, in Must-Win-Situationen oder von hartgesottenen Spezialisten angewandt, sodaß diese Erfolgs-Noten kaum repräsentativ sind?! Kaufman selbst äußert sich bezüglich der Anwendung dieser Kriterien auf die schwarzen Verteidigungen nur in umschreibenden Worten ("Grünfeld is a little bit shaky on 2") und auch nur insoweit, wie es für ihn nötig ist, um zu einer Entscheidung zugunsten des Halbslawen zu kommen (die meisten Stellen läßt er also ohne Bewertung, was ja gerade für mich der Anlaß war, sein Raster mal komplett durchzuziehen). Nach längerem Nachdenken habe ich mich entschlossen, die Bewertung mittels (deutscher) Schulnoten von "1" bis "6" vorzunehmen. Das ist zwar fast schon zu fein (bekommt Grünfeld in Solidität jetzt ´ne "2", "3" oder "4"?), aber es wird den meisten hier ziemlich geläufig sein. Dabei ist zu beachten, daß ´ne 4 im Prinzip immer noch eine postive Note ist! Folgende schwarze Verteidigungen werden nicht behandelt, weil sie meiner Meinung nach grundsätzlich nicht geeignet sind, ein komplettes Schwarzrepertoire darauf aufzubauen (weil sie bewiesener-/behauptetermaßen zu schlecht sind; weil sie zu irrelevant sind usw.; das werde ich jetzt nicht im Einzelnen begründen):

Albins Gegengambit (1.d4 d5 2.c4 e5), Baltische Vert. (1.d4 d5 2.c4 Lf5), Marshall-Vert. (1.d4 d5 2.c4 Sf6), Symmetrische Vert. (1.d4 d5 2.c4 c5), Black Knights Tango (1.d4 Sf6 2.c4 Sc6), Beschl. Damenindisch (1.d4 Sf6 2.c4 b6), Geier (1.d4 Sf6 2.c4 c5 3.d5 Se4), Snake (1.d4 Sf6 2.c4 c5 3.d5 e6 4.Sc3 exd5 5.cxd5 Ld6), Franco-Indisch (1.d4 e6 2.c4 Lb4+), Franco-Benoni (1.d4 e6 2.c4 c5), Holländisches Benoni (1.d4 c5 2.d5 f5), Holländisch a la Hort/Antoschin (1.d4 f5 2.g3 Sf6 3. Lg2 d6 4.Sf3 c6 5.c4 Dc7), Bogoljubow-Vert. (1.d4 Sc6), Polnisch (1.d4 b5), Englund-Gambit (1.d4 e5), ganz zu schweigen von noch tieferen Abgründen ... Folgende wichtige schwarze Verteidigungen werden nicht behandelt, weil sie wesentlich durch einen weißen Verzicht auf das "prinzipielle" Sc3 gekennzeichnet sind (ihre Bedeutung ist also meist abhängig von Nimzowitsch-Indisch!): Damenindisch (1.d4 Sf6 2.c4 e5 3.Sf3 b6), Bogoljubow-Indisch (1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 Lb4+), Blumenfeld-Gambit (1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 c5 4.d5 b5), Dzindzi-Indisch (1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 a6), Katalanisch (1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.g3), Damengambit mit frühem Sf3 (Wiener Variante, Ragozin, Manhattan, Semi-Tarrasch

Folgende schwarze Verteidigungen gegen ein weißes d4-Hauptvarianten-Repertoire werden nun gemäß den 5 Kriterien untersucht:

(A) Abgelehntes Damengambit: Capablanca

(B) Abgelehntes Damengambit: Lasker

(C) Abgelehntes Damengambit: Tartakower

(D) Abgelehntes Damengambit: Cambridge-Springs

(E) Abgelehntes Damengambit: Tarrasch

(F) Abgelehntes Damengambit: Tschigorin

(G) Angenommenes Damengambit

(H) Slawisches Damengambit: offen mit 4...dxc4

(I) Slawisches Damengambit: modern mit 4...a6

(J) Slawisches Damengambit: Meraner (über 2...c6)

(K) Slawisches Damengambit: Noteboom (über 2...e6)

(L) Holländisch: Stonewall

(M) Holländisch: Iljin-Genewski

(N) Holländisch: Leningrader

(O) Benoni: Vollbenoni

(P) Benoni: Halbbenoni

(Q) Benoni: Modernes Benoni

(R) Benoni: Wolga-Benkö-Gambit

(S) Indisch: Altindisch

(T) Indisch: Königsindisch

(U) Indisch: Grünfeld                                    Universalität4 - Solidität3 - Aktivität1 - Anti-Remis3 - Erfolg2

(V) Indisch: Nimzowitsch

(W) Unregelmäßig: Budapester Gambit        Universalität6 - Solidität5 - Aktivität2 - Anti-Remis3 - Erfolg5

(X) Unregelmäßig: Königsfianchetto

(Y) Unregelmäßig: Damenfianchetto

(Z) Unregelmäßig: Die Verteidigung 1...d6

 

 

In seinem Buch "The Chess Advantage in Black and White" entwirft der amerikanische IM Larry Kaufman zwei komplette Repertoires: eins für Weiß und eins für Schwarz. Das ganze Werk richtet sich an Vereins- und Turnierspieler (vielleicht so 1700-2300). Obwohl er vielleicht nicht ganz so anspruchsvoll ist wie beispielsweise Khalifman in seinen Kramnik- oder Anand-Bänden (dann müßte er auch 5000 Seiten schreiben statt 500), versucht er doch den "Chess Advantage" festzuhalten: mit Weiß möchte er dem Schwarzen das Kämpfen um den Ausgleich nicht zu einfach machen, mit Schwarz kämpft er um den vollen Ausgleich (und gesteht dem Weißen nicht von vornherein leichten Vorteil zu).

Nach einer ausführlichen Betrachtung von 1.e4 aus weißer Sicht und 1.e4 e5 aus schwarzer Sicht geht er zur "Verteidigung gegen das Damengambit" über. Wobei er unter "Damengambit" alles versteht, wo Weiß mit 1.d4, 1.c4 oder 1.Sf3 anfängt, sich jedenfalls (auch nach 1.Sf3) mit d4+c4 aufbaut und dann mehr oder minder kritische Hauptvarianten wählt. Dazu zählt also alles vom Angenommenen Damengambit über Königsindisch bis Holländisch, nicht aber Colle, Trompowski, Stauton-Gambit, Torre-Angriff usw. Seine schlußendliche Wahl für Schwarz fällt auf die Meraner Verteidigung im Halb-Slawen. 

 Interessanter ist es, daß Kaufman 5 Kriterien entwickelt, anhand derer er die verschiedenen schwarzen Verteidigungen gegen Geschlossene Spiele abwägt. 5 Kriterien für eine schwarze Verteidigung gegen Geschlossene Spiele (nach IM Larry Kaufman)

1. Die Verteidigung muß gegen alle weißen Zugfolgen nach 1.d4, 1.c4 oder 1.Sf3 funktionieren

2. Die Verteidigung muß unter starken Großmeistern einen respektablen Ruf haben

3. Die Verteidigung muß gute Gewinnchancen bieten

4. Die Verteidigung darf Weiß keine verflachte Remisvariante bieten, in der er noch risikolos bißchen kneten kann

5. Die Verteidigung muß in der Praxis gute Resultate erzielen.

Schon über diese Kriterien kann man natürlich streiten.: Was ist mit 1.g3 ? Wozu überhaupt eine halbwegs universelle Verteidigung, man kann doch auch z.B. mit 1.c4 e5 was ganz anderes spielen als gegen 1.d4 ? Was interessieren uns denn die starken Großmeister? Nun gut, nehmen wir die 5 Kriterien mal so hin. Kaufman kommt dann relativ schnell zum Schluß, daß die Meraner Verteidigung eben die Kriterienliste insgesamt am besten erfülle, insbesondere als einzige Verteidigung überhaupt alle einzelnen Kriterien erfülle. 

ps geklaut von "Tarcke" unter "Schachmatt.de"


© M. Walter
Letzte Änderung: 29.08.2012