SK Weilheim
Home » Eröffnungen » Grünfeld-Indische Verteidigung (D70-00)
 

(U) Grünfeld-Indische Verteidigung (D70-99)

1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 d5 (auch 3.g3 d5 und 3.f3 d5)

5 Kriterien:

Universalität: 4

Solidität: 3

Aktivität: 1

Anti-Remis: 3

Erfolg: 2

Obwohl einige eher harmlose Untersyteme schon vorher bekannt waren (etwa das dem Slawischen nahestehende Schlechter-System 1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 4.e3 g6 5.Sc3 Lg7), wurde die Zugfolge 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 d5 erst 1922 vom österreichischen Theoretiker Ernst Grünfeld in die Meisterpraxis eingeführt. In der Flut der neuartigen indischen Systeme ging der Grünfeldinder zunächst ein wenig unter, zumal die schwarze Zentrumsaufgabe den meisten zu radikal erschien. Der Durchbruch kam dann mit Botwinnik und Smyslow; weitere herausragende Anwender sind (der frühe) Kortschnoi, Fischer, Adorjan, Kasparow, Leko und Swidler.

Weiß hat eine große Auswahl an interessanten Systemen (4.Lf4, 4.Lg5, 3.g3); am wichtigsten und erfolgversprechendsten erscheint es aber seit langem, die schwarze Aufforderung zum Aufbau eines mächtigen Bauernzentrums anzunehmen: (a) Russisches System: 4.Sf3 Lg7 5.Db3 dxc4 6.Dxc4 0-0 7.e4 und jetzt Lg4/Sa6/a6 (b) Abtauschsystem: 4.cxd5 Sxd5 5.e4 Sxc3 6.bxc3 Lg7 und nun (b1) klassisch: 7.Lc4 c5 8.Se2 0-0 9.0-0 Sc6 10.Le3 cxd4 11.cxd4 Lg4 12.f3 Sa5 (b2) modern: 7.Sf3 c5 8.Le2 0-0 9.Tb1

Im Moment ist (wieder einmal) das klassische Abtauschsystem mit dem Qualitätsopfer 13.Ld3 Le6 14.d5!? in der Diskussion.

Grünfeldindisch ist eine scharfe dynamische Kampfverteidigung, die eher halboffenen als geschlossenen Charakter hat. Die Taktik dient zunächst weniger etwaigen Königsangriffen als vielmehr dem Kampf um Raum im Zentrum und um Schwächen am Damenflügel. Oft erlangt Schwarz die Überlegenheit am Damenflügel, dafür bekommt Weiß einen (starken!?) d-Freibauern, aus dessen Schutz heraus manchmal auch Königsangriffe möglich werden.

Viele forcierte Varianten sind extrem weit ausanalysiert, was auf GM-Niveau eine gewisse Remistendenz beinhaltet. Eine ausgesprochene Remisvariante gibt es nicht, 4.Lf4 ist aber eine relativ(!) solide Wahl für Weiß.

Trotz breiter Anwendung und Fürsprache mehrerer Weltmeister gilt Grünfeldindisch immer noch als etwas zweischneidig und riskant (im Verhältnis zu Damengambit/Slawisch/Nimzoindisch!). Etwa seit 2001 hat die absolute Weltelite (Kasparow/Leko/Swidler) Grünfeld als Hauptverteidigung gegen 1.d4 aufgegeben, was aber offenbar keinen speziellen theoretischen Grund hatte. Es ist wohl vielmehr in den Top10 keine gute praktische Wahl, den Weißen irgendein superscharfes Abspiel auswählen und mit PC präparieren zu lassen und dann vielleicht erst nach der Partie zu entdecken, wie Schwarz sich hätte behaupten können. Dieses Problem, das in Grünfeld sehr stark auftritt, haben aber viele Eröffnungen und sollte für normalsterbliche Schachspieler (zumindest bis FM-Niveau) kaum ein Argument gegen Grünfeld sein.

Es gibt einige Anti-Grünfeld-Systeme, die alle auf 1.c4 (bzw. 1.Sf3/2.c4) und der Zurückhaltung des weißen d-Bauern beruhen, z.B.:

(r) 1.c4 Sf6 2.Sf3 g6 3.Sc3 d5 4.cxd5 Sxd5 5.e4 Sxc3 6.dxc3 Dxd1+ 7.Kxd1

(s) 1.c4 Sf6 2.Sf3 g6 3.Sc3 d5 4.cxd5 Sxd5 5.Da4+ Ld7 6.Dh4/Dd4

(t) 1.c4 Sf6 2.Sc3 d5 3.cxd5 Sxd5 4.g3

Objektiv hat Schwarz hier nichts zu befürchten, jede weiße Zugfolge eröffnet ihm gute Möglichkeiten beim Übergang in andere Eröffnungen; es ist aber schwierig bis riskant, in jedem Fall auf "typisch grünfeldindischen" Stellungsbildern zu beharren. - Gegen viele weiße Flankenspiele oder Damenbauerneröffnungen ist aber ein Aufbau a la Grünfeld möglich. Bezüglich eines Gesamtrepertoires harmoniert Grünfeld gut mit dem Beschleunigten Drachen (1.c4 Sf6 2.Sc3 g6 3.e4 c5).

Persönliches Resumee: Sobald man 1.c4 (und Trompowsky) in den Griff bekommt, ist Grünfeld-Indisch eigentlich eine gute und aktive Wahl für Vereinsspieler ab 1600 aufwärts, zumal der halboffene/ taktische Charakter wohl etwas verständlicher ist als die blockierten Bauernstellungen anderer Verteidigungen. Aber Vorsicht: es gibt "einige" Theorie, die sich rasant vermehrt - Ich selbst habe Grünfeld lange gespielt und spiele es immer noch sporadisch, falls ich keine Theorieduelle um Zug 25 herum befürchten muß.

Du hast die kritischen Varianten ja schon angegeben, im Sinne der Vollständigkeit & Einheitlichkeit sollte man vielleicht nochmal ergänzen:

(a) Russisches System: 4.Sf3 Lg7 5.Db3 dxc4 6.Dxc4 0-0 7.e4

(a1) 7...Lg4

(a2) 7...Sa6

(a3) 7...a6

(a4) 7...Sc6

(a5) 7...c6

(b) Abtauschsystem: 4.cxd5 Sxd5 5.e4 Sxc3 6.bxc3 Lg7

(b1) klassisch: 7.Lc4 c5 8.Se2 0-0 9.0-0 Sc6 10.Le3 cxd4 11.cxd4 Lg4 12.f3 Sa5

(b11) 13.Lxf7+ Txf7 14.fxg4 Sevilla-Variante

(b12) 13.Ld3 Le6 14.d5!? Lxa1 Sokolski-Angriff

(b13) 13.Ld3 Le6 14.Tc1 Lxa2

(b14) 13.Ld3 Le6 14.Da4

(b2) modern: 7.Sf3 c5 8.Le2 0-0 9.Tb1

(b21) 9...cxd4 10.cxd4 Da5+ 11.Ld2 Dxa2

(b22) 9...cxd4 10.cxd4 Da5+ 11.Dd2 Dxd2+ 12.Kxd2

(b23) 9...Sc6 10.d5 Se5 11,Sxe5 Lxe5 11.Dd2!

(c) Abtauschsysteme mit Le3: 4.cxd5 Sxd5 5.e4 Sxc3 6.bxc3 Lg7 7.Le3 Da5 8.Dd2 c5

(d) Systeme mit Lf4: 4.Lf4

(e) Systeme mit Lg5: 4.Lg5

(f) Fianchetto: 3.g3 Lg7 4.Lg2 d5 5.cxd5 Sxd5

(g) Sonstiges:

(g1) Anti-Grünfeld: 3.f3 d5 4.cxd5 Sxd5 5.e4 Sb6

(g2) Smslow: 3.Sc3 d5 4.cxd5 Sxd5 5.Ld2

(g3) Nadanian: 3.cxd5 Sxd5 4.Sa4

b22 wollte ich zumindest der Vollständigkeit halber erwähnen, ich glaube aber, dass Weiss keine realen Vorteilschancen hat. Insbesondere die Aufgliederung (b11,b12,b13,b21: alle vier mit materiellem Ungleichgewicht!) zeigt, dass die Grünfeld-Spieler ein ziemlich breites Theoriewissen haben müssen, wenn sie diese Eröffnung spielen wollen.

Das zeigt auch, warum Grünfeld auch in gehobeneren Vereinsspieler-Kreisen nicht so häufig zu sehen ist.

ps geklaut von "tarcke" auf "Schachmatt.de"


© M. Walter
Letzte Änderung: 13.03.2012