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(W): Budapester Gambit (inkl. Fajarowicz-Variante) (A51-52)

1.d4 Sf6 2.c4 e5?! 3.dxe5 Sg4/Se4

5 Kriterien:

Universalität: 6

Solidität: 5

Aktivität: 2

Anti-Remis: 3

Erfolg: 5

(Die Bewertung gilt gleichermaßen für die Hauptvariante wie für die Fajarowicz-Variante: Obwohl beide Variante ursprünglich unterschiedliche Ideen verfolgen und die konkreten Varianten natürlich stark voneinander abweichen können, ist der allgemeine Spielcharakter bei moderner Behandlung überraschend ähnlich)

Die Gambitfortsetzung 2...e5 3.dxe5 Sg4 wurde vermutlich ab 1917 zuerst in ungarischen Schachkreisen (Breyer, Abonyi) untersucht. Die Untervariante 3...Se4 fand erst nach der Partie Steiner-Fajarowicz (Wiesbaden1928) Beachtung. In Deutschland sorgte vor allem Kurt Richter für eine gewisse Bekanntheit. Das Gambit galt von Anfang an als interessant aber zweifelhaft und konnte sich nie richtig durchsetzen. Zumindest nicht in der höheren Meisterpraxis, darunter blieb das Gambit stets einigermaßen populär. In den 1980er hatte das Budapester Gambit noch einmal ein kurzes Zwischenhoch (Bellon, Schüssler, Wedberg), in der sich entwickelnden Open-Szene galt es als praktisch interessante Kampfverteidigung. Seit Karpow-Short (Kandidatenmatch1992, 1.Partie, 1:0) gilt es aber im höheren Sinne als erledigt. Sehr vereinzelt findet man es aber immer noch auf gehobenem GM-Level, mitunter sogar erfolgreich (Bacrot-Schirow 0:1, VanWely-Mamedyarow 0:1)! - Die Fajarowicz-Variante galt schon immer als noch interessanter und noch unsolider als ihre große Schwester, in deren Schatten sie immer stand. Seit Smyslow-Steiner (Groningen1946, 1:0) gab es m.W. keine Anwendung mehr unter den Top100 ! In den letzten Jahren hat Lew Gutman den Versuch der Rehabilitierung unternommen, bisher ohne großen Erfolg.

Seine enorme Popularität in Amateurkreisen verdankt das Budapester Gambit der Tatsache, daß hier die strategisch-positionellen Probleme des Damengambits mit kombinatorischen Mitteln gelöst werden sollen. Ein unbedarfter Weißspieler hat jede Menge Chancen, in taktische Fallen hineinzulaufen, z.B.: (k) 3.dxe5 Sg4 4.Dd4?! d6! 5.exd6 Lxd6 6.Dxg7?? Le5 7.Dg5 Dxg5 8.Lxg5 Lxb2 -+ (l) 3.dxe5 Sg4 4.Lf4 Sc6 5.Sf3 Lb4+ 6.Sbd2 De7 7.a3 Sgxe5 8.axb4?? Sd3# (m) 3.dxe5 Se4 4.a3 d6 5.exd6?! Lxd6 6.Sf3?? Sxf2! 7.Kxf2 Lg3+! -+ Trotz alledem ist zu bemerken, daß 2...e5?! eigentlich auf einer logischen positionellen Basis beruht: Nach 1.d4 Sf6 2.c4 e5 hat Schwarz Entwicklungsvorsprung, zudem hat Weiß mit 2.c4 seine schwarzen Felder geschwächt (was durch den relativ häufigen Abtausch der schwarzfeldrigen Läufer noch verstärkt wird!). Wenn man davon ausgeht, daß Weiß seinen Mehrbauern e5 eigentlich nur mit Figuren decken kann (Sf3,Lf4/Lb2/Lc3,Dd5,Ta1-d1-d5; f2-f4 ist fast immer schlecht!), so kann Schwarz sich durchaus Hoffnung machen, den Gambitbauern mittelfristig zurückzugewinnen (Sc6, De7, Te8, Lg7, Lc8-b7xSf3). Dann winkt das Feld c5 als ausgezeichneter Springervorposten, solange weißes b2-b4 verhindert werden kann, der weiße Damenflügel wäre dann lahmgelegt und Bc4 ein Angriffsziel. Baut Weiß sich zu langsam/umständlich/gekünstelt auf, so kann Schwarz manchmal mit d7-d6 oder f7-f6 ein echtes Gambit spielen und vorteilhaft Linien öffnen. Soviel zu den Wunschträumen des Nachziehenden. Praxis und Theorie sind aber einmütig und immer wieder zum Ergebnis gekommen, daß Weiß mit Theoriekenntnis die taktischen Klippen umschiffen und Vorteil erzielen kann: Es fragt sich nur, wie groß dieser ist. - Weiß sollte im allgemeinen (die speziellen Abspiele sind aber sehr konkret zu behandeln!) den Gambitbauern e5 erstmal festhalten und dem Nachziehenden den sofortigen Rückgewinn erschweren. Solange Weiß dabei größere positionelle Schwächungen vermeidet, braucht er vor einem echten Gambitspiel keine Angst zu haben; im Zweifelsfalle hat er dann in komplizierter und scharfer Stellung einen soliden Mehrbauern. Falls Schwarz aber doch auf Rückgewinn des Gambitbauern spielt (und das gelingt ihm auch meistens), so kann Weiß sein Materialplus fast immer in Entwicklungsvorsprung, Raumvorteil, den Vorteil des Läuferpaares o.ä. ummünzen und eine erfolgversprechende Stellung erlangen. In der Bauernstruktur a3+b2+c4+e3+f2+g2+h2--a7+b6+c7+d6+f7+g7+h7 versucht Weiß häufig, mit b2-b4+c4-c5 den schwarzen Damenflügel zu zersplittern (Minoritätsangriff), Schwarz versucht dem mit a7-a5(-a4) entgegenzuwirken. Im Ergebnis hat das moderne Budapester Gambit doch noch einen leicht positionellen Anstrich bekommen. Da die Theorie inzwischen doch einigermaßen ausgearbeitet ist und da auf höherem Niveau auch kein Weißspieler mehr in die taktischen Fallen läuft, dreht sich der Kampf (nach dem schwarzen Rückgewinn des Be5) dann meist um positionelle Faktoren (Bauernschwächen, Turmaktivität, guter versus schlechter Läufer, etc.) in halboffenen Stellungen; hochtaktisches Kaffeehausschach ist seltener geworden.

Weiß sollte das Gambit auf jeden Fall erstmal annehmen: 3.d5?! Lc5 ist leicht besser für Schwarz, 3.e3/3.Sf3 sind absolut harmlos.

Nach 3.dxe5! Sg4 gelten als Hauptvarianten:

(a) 4.Lf4 Sc6 (4...Lb4+ 5.Sd2 d6?! oder 4...g5?! sind noch dubioser) 5.Sf3 Lb4+ und nun

(a1) 6.Sc3 Lxc3+ 7.bxc3 De7 8.Dd5 f6! 9.exf6 Sxf6 10.Dd3 d6 11.g3

(a2) 6.Sbd2 De7 7.e3 Sgxe5 8.Sxe5 Sxe5 9.Le2 0-0 10.0-0

(a3) 6.Sbd2 De7 7.a3 Sgxe5 8.Sxe5 Sxe5 9.e3 Lxd2+ 10.Dxd2

(b) 4.Sf3 Lc5 5.e3 Sc6 6.Le2

(c) 4.e4!? Sxe5 5.f4 Sec6 6.Sf3/Le3

Variante (a1) wird von den meisten Theoretikern als "Quasi-Widerlegung" empfohlen, denn bei "perfektem weißen Spiel" (?!) kommt Schwarz wohl gar nicht dazu, die Schwächen c3+c4 ernsthaft auszunutzen; in der Praxis bevorzugen die meisten Weißspieler aber "harmonischere" Aufstellungen (a2/a3/b), obwohl der weiße Vorteil hier geringer ist. Einige sehr starke Weißspieler setzen mit (c) ganz auf großen Raumvorteil, obwohl dies Schwarz einige wichtige Felder überläßt.

Eine ausgesprochene Remisvariante gibt es übrigens nicht, obwohl Weiß in den Varianten (a2/a3) relativ sorglos das Spiel verflachen lassen kann.

Im Fajarowicz-Gambit 3.dxe5 Se4 hat Weiß vier Hauptfortsetzungen:

(r) 4.Dc2 Lb4+ 5.Sc3!

(s) 4.Sd2 Sc5 5.Sgf3

(t) 4.Sf3 Lb4+ 5.Ld2 Sxd2 6.Sxd2 Sc6 7.a3 Lxd2+ 8.Dxd2 De7 9.Dc3 0-0 oder 9...b6!?

(u) 4.a3 und nun

(u1) 4...d6 5.Sf3 Sc6 6.Dc2

(u2) 4...b6 5.Sd2 (5.Dd5?! Lb7! 6.Dxb7 Sc6 7.Sc3 Sc5 8.Lg5! ist ziemlich unklar!) Lb7 6.Sgf3

Dabei sind (r) und (s) ziemlich scharf und unklar; tendenziell steht Weiß auch hier besser, aber die Stellungsbilder sind ziemlich unübersichtlich. Der Massenabtausch a la (t) ist eine sichere und übersichtliche Wahl für Weiß (bei den entstehenden Stellungen geht es mehr um Mittelspieltechnik als um Theoriewissen), allerdings ist der weiße Vorteil eher klein: Schwarz kann sich Hoffnung auf allmählichen Ausgleich machen. Als kritische Variante für das Fajarowicz-Gambit gilt seit längerem schon 4.a3!, hier spielt Schwarz meist echtes Gambit und erhält in unklaren Stellungen ein ganz klein bißchen Kompensation für seinen Bauern. In einer theoretischen Kontroverse mit GM Gutman bemerkte GM Sadler süffisant aber treffend: "Solange Weiß einen 70-80%-Score hat, muß nicht Weiß beweisen, daß der Mehrbauer wirklich solide ist, sondern Schwarz muß beweisen, daß er Kompensation hat!"

Ist das Budapester Gambit (inkl. Fajarowicz-Variante) objektiv korrekt? Oder doch widerlegbar?? - Gute Frage. Kommt wohl darauf an, was man unter Korrektheit und Widerlegung verstehen will! Die theoretischen wie praktischen Untersuchungen scheinen mir inzwischen soweit vorangeschritten, daß vielleicht mit unerprobten Alternativzügen in für Schwarz schwierigen Stellungen, jedoch kaum noch mit substantiellen Verbesserungen zu rechnen ist. Und Schwarz muß an mehreren Fronten kämpfen. Eine Stichprobenuntersuchung im aktuellen (pc-gestützten!) gehobenen Fernschach, wo praktische Dinge wie Überraschungseffekt, Nervenstärke und Vorbereitungslücken nicht mehr zählen, erbrachte folgendes Bild (CB-Corr2004, seit 2000, beide Spieler 2300+): 20 Partien mit 10 Weißsiegen, 9 Remisen und einem Schwarzsieg. Der Schwarzsieg resultierte aus einer unerklärliche "Aufgabe" des Weißen in für ihn mindestens ausgeglichener Stellung, also vermutlich Rückzug/Krankheit/Tod während der Partie (sowas kommt vor im Fernschach). Diese Partie ist also offensichtlich bedeutungslos. Eine kurze Durchsicht der übrigen Partien ergab, daß die Weißgewinne relativ klare Start-Ziel-Siege waren. Und in fast allen Remispartien war durchweg der Anziehende am Drücker, bevor der gequälte Nachziehende sich ins Remis retten konnte! - Vielleicht ist dies nicht absolut repräsentativ, aber in der Grundaussage doch ziemlich eindeutig: Weiß scort nicht nur ungewöhnlich gut, sondern Schwarz hat noch nicht mal besonders gute eigene Gewinnchancen, solange Weiß keinen eklatanten Fehler begeht (und das macht er im Fernschach eben nicht). Dies ist auch die Rechtfertigung für eine 3 in Aktivität, obwohl mancher hier vielleicht gerne eine 1 verteilen würde.(EDIT: Habe mich nachträglich umentschlossen, in Aktivität doch noch eine 2 statt 3 zu geben. In gewisser Weise sind die schwarzen Gewinnchancen schon niedrig - nicht unbedingt weil die Remisbreite so groß wäre, sondern weil der Weißscore so gut ist. Und die echten Gambitabspiele, in denen Schwarz mit relativ klarem Minusbauern auf Sieg spielt, sind m.E. objektiv spürbar schlechter als die Bauern-Rückgewinn-Abspiele, in denen Schwarz bei positionellem Nachteil auf Ausgleich spielt und ums Remis kämpft. Aber diese Sichtweise geht vielleicht zu sehr von "perfektem Spiel" aus. In der Praxis hat das Budapester Gambit schon einen kämpferischen Touch (im Sinne, daß Schwarz gewinnen will). Im gehobenen Nahschach sah die Sache schon etwas besser aus für Schwarz, aber immer noch schlecht: ~50% Weißsiege, ~40%Remis, ~10% Schwarzsiege. Bemerkenswert war dabei, daß Schwarz besonders dann halbwegs anständig abschnitt, wenn er 2...e5?! nur alle Jubeljahre mal (oder einmal und nie wieder) als absolute Geheimwaffe anwandte. Sobald sich irgendein IM/GM auf Budapester spezialisierte und bißchen regelmäßiger anwandte, schnitt er deutlich schlechter ab (!), weil sich seine Gegner natürlich auf ihn vorbereiteten und den theoretischen Weißvorteil regelmäßig mit guter Technik verwerteten.

Zusammenfassung:

Ich selbst habe mich ein paarmal in meinem Schachleben mit dem Budapester Gambit und mit der Fajarowicz-Variante (insbesondere mit den Büchern von Borik, Lalic und Gutman) beschäftigt. Denn die Varianten sind einfach interessant, schließlich fördert ja auch jede Analyse von scharfen Stellungen das Schachverständnis. Ich habe die kritischen Varianten zumindest soweit nachgearbeitet und selbst analysiert, bis ich festgestellt habe, daß dieses Gambit wohl schon ab einem 2000++-Niveau kaum gegen Vorbereitung spielbar ist. Vielleicht als äußerst seltene Überraschungswaffe (als Fünftwaffe im Anti-d4-Repertoire), aber auch das ist riskant. Und "Fallenstellerei" entspricht weder meinem Spielstil noch meinem Verständnis von Schach als Strategiespiel.

Das ist natürlich auch eine Frage des Spiellevels. Viele d4-Spieler auf Vereinsniveau sind zweifellos überhaupt nicht auf sowas vorbereitet. Und selbst wenn, die Art des theoretischen Vorteils (falls Weiß ihn im 15.Zug erreicht) ist derart, daß seine Technik kaum ausreicht, den Vorteil zu erkennen oder gar zu verwerten. Insofern kann man besonders in unteren Klassen vielleicht gut damit punkten. Aber das wäre mehr eine turnierpraktische als eine eröffnungstheoretische Frage. Und: Solange Schwarz bis hoch zum 2680er-Niveau noch Überraschungssiege landen kann, solange ist sowieso alle Theorie grau. Und Ihr solltet meinem Mißtrauen mit Mißtrauen begegnen!

ps geklaut von "Tarcke" aus "Schachmatt.de"


© M. Walter
Letzte Änderung: 13.03.2012