SK Weilheim
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Also, ich versuche mich gegen Englisch im Prinzip königsindisch aufzubauen, nur das ich f5 vor Sf6 spiele.

Die Zugreihenfolge kann dabei so aussehen. c4 e5 Sc3 Sc6 g3 g6 Lg2 Lg7 Tb1 f5 d3 Sf6 e3 0-0 Sge2

Nun ist es so das Großmeister auf c4 e5 e3 nicht meinen oben genannten Aufbau spielen, sondern gleich Sf6 spielen und in das englische Vierspringerspiel übergehen. Das gleiche ist auch etwas später zu beobachten. Nach c4 e5 Sc3 Sc6 g3 g6 Lg2 Lg7 d3 d6 e3 wird auch so gut wie gar nicht f5 gespielt, sondern Sf6.

Königsindisch gegen Englisch ist ein extrem schwieriges Feld und so allgemein gar nicht zu beantworten. Und es würde wohl auch nicht viel Sinn machen, wenn ich die genannte Variante oder 40 andere konkrete Stellungen spezifisch ansprechen würde. In meinem Verein gibt es etliche c4/g3-Spieler, und auch wenn ich dem überhaupt nichts Besonderes abgewinnen kann, finde ich es immer wieder lustig anzusehen, mit welcher Leichtigkeit sie gegen gestandene Königsindisch-Spieler (oft mit 2100-2400elo und 10+Jahren/100+Turnierpartien KID-Erfahrung) deutliche Eröffnungsvorteile herausspielen!

Darin liegt ja gerade die Krux in diesen Systemen, daß je nach Zugfolge winzige Nuancen eine riesige Rolle spielen können: der beste Vorteilsversuch für Weiß kann ganz unterschiedlich sein, je nachdem ob Schwarz f7-f5 im dritten, vierten, fünften, sechsten ... Zug gezogen hat, ob und wann Sb8-c6/d7 oder d7-d6 geschehen sind. Und der beste schwarze Versuch, solche Strukturen zu spielen, hängt wesentlich davon ab, ob und wann Weiß d2-d3/d4 oder e2-e3/e4 oder Sg1-f3/e2 oder Tb1 oder was auch immer zieht. Im Zweifelsfalle findet man alle diese Feinheiten gut versteckt in dutzenden/hunderten Theoriebuchseiten, etwa bei C.Hansen, Raetsky/Tschetwerik oder (für Fortgeschrittene vielleicht am besten) im neuen dritten Band von Watsons "Mastering the Chess Openings".

Angemerkt sei, daß Schwarz nach 1.c4 e5 nicht immer auf diese Struktur ausgehen sollte, oft kann Weiß mit frühem d2-d4 leichten Vorteil erlangen, wenn das schwarze Fianchetto noch nicht abgeschlossen ist, z.B. 2.Sc3 Sc6 3.Sf3 g6?! 4.d4 . Auch sehr frühes f7-f5 fordert solche weißen Reaktionen heraus. - Natürlich kann man diese speziellen Probleme mit 1...d6 oder 1...g6 umgehen, aber dann gibt es natürlich wieder andere Probleme.

Die angesprochenen Großmeister wissen schon, was sie tun (insbesondere spielen sie meist d7-d6 vor f7-f5, selbst wenn e4xf5 nicht unmittelbar möglich ist).

Und im allgemeinen ist es auch nicht gut, sich so früh auf f5-f5 festzulegen, selbst wenn sich in den Strukturen mit Sf6 vor Bf7 häufig eine Situation ergibt, daß man später (Zug 8-15) f7-f5 spielen möchte und dazu erst ein- bis zweimal mit dem Sf6 hoppeln muß. Tendenziell überwiegen eben eher die Nachteile eines frühen f7-f5:

- f5 ist kein Entwickungszug (schnelle Rochade und Zentrumskontrolle können wichtiger sein)

- f5 schwächt die Diagonale a2-g8 (weiße Taktik mit Db3/Dd5/Ld5!)

- f5 blockiert den Lc8 (man weiß doch im 5.Zug noch nicht, ob bei einer möglichen schwarzen Initiative am Königsflügel im 15.Zug die Bauervorstöße f5-f4 oder e5-e4 wichtiger sind als die Figurenfelder f5/g4/h3)

- f5 begräbt alle Pläne für Sg8-e7/h6-f5 (falls Weiß f5 mit f4 beantwortet, würde Schwarz gerne f5-f7 ziehen, um dort den Springer einzupflanzen)

- f5 schwächt e6 (insbesondere der Sg1 kann das Feld manchmal anpeilen) - f5 nimmt der schwarzen Bauernkette die Elastizität (insbesondere nach d4xe5,d6xe5 nebst Damentausch sind e5+f5 leicht angreifbar und können z.B. mit e2-e4 aufgerissen werden)

Okay, alles allgemeines Geschwätz, aber die konkrete Wahrheit ist eben bis hoch in den Meisterbereich nicht einfach. Natürlich gibt es auch paar gute Varianten mit frühem f7-f5, aber meist nur, wenn Weiß das mit etwas abwartendem Spiel zugelassen hat.

Ich weise nochmal auf das hin, was ich woanders geschrieben habe: mindestens bis 1800, eher bis hoch zu 2100-2300 sollte man diese perfiden Nuancen der hypermodernen Flankeneröffnungen einfach vermeiden! Mit Weiß 1.e4! oder 1.d4! spielen, mit Schwarz das Zeugs klassisch bekämpfen mit 1.Sf3 d5!, 1.c4 e5! nebst 2...Sf6 nebst 3...Sc6/d5/c6/Lb4, oder mit orthodoxen Strukturen (e6/d5) bzw. mit slawischen (c6/d5).

ps aus dem Forum "Schachmatt.de" glaube von "Tarcke"


© M. Walter
Letzte Änderung: 13.03.2012